Rheinische Post, November 2006, von Dorothee Krings

Comic-Theater über Hiroshima

Das Ensemble "half past selber schuld" zeigt im FFT eine Bühnenversion des berühmten Manga-Comics "Barfuß durch Hiroshima" - die erschütternde Geschichte eines Jungen, der den Atombombenangriff überlebt.

Die Figuren haben riesige Kulleraugen und staunende Mündchen. Sie erleben erotische, historische, kriminelle Geschichten oder einfach nur, was bei Kindern in Schule und Freizeit so geschieht. Seit etwa zehn Jahren finden Mangas, japanische Comics, auch in Deutschland immer mehr Absatz. Der Buchhandel setzt inzwischen 65 bis 70 Millionen Euro pro Jahr mit den Geschichten um, Tendenz weiter steigend. Keine Bahnhofsbuchhandlung gibt es mehr, in der nicht mehrere Ständer mit Manga-Büchern, fünf Euro das Stück, die Leser zu Nachschubkäufen verführten. In Deutschland ist die Zielgruppe zwischen acht und 18 Jahren alt; 60 Prozent der Leser sind Mädchen.

"Mangas haben sich zu einem Stück Jugendkultur entwickelt, weil Jugendliche das Ungewöhnliche reizt, die fremde Bilderwelt, dass man die Bücher von hinten nach vorne liest, auch die schnelle Erzählweise der Comics, die geschnitten sind wie ein Videoclip", sagt Julia Schmitz, Dozentin am Lehrstuhl Modernes Japan an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Als sie in diesem Semester ein Seminar zum Thema Mangas ansetzte, saßen mehr als 70 Studenten im Raum. Japan gilt als Land der Technik, modern, fremd, folglich haben Mangas genau jenen Coolness-Faktor, der etwa den Comics über einen Steine werfenden Gallier mit Ballonbauch fehlt. "Aus Mangas lässt sich viel über die Alltagskultur Japans lernen", sagt Ulrich Heinze, Soziologe an der Universität Freiburg, "in Japan gibt es Mangas in allen Genres für alle Altersgruppen, man kann also zu jedem erdenklichen Thema Hefte finden".

Auch zu traumatischen Themen wie dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Der Mangazeichner Keiji Nakazawa hat den atomaren Angriff miterlebt, hat Vater, Bruder und Schwester verloren; seine Mutter starb 1966 an den Folgen der Verstrahlung; er selbst erkrankte an Leukämie. Nakazawa verwandelte seine eigenen Erlebnisse in den Manga "Barfuß durch Hiroshima", der in Japan berühmt ist.

Das Ensemble "half past selber schuld" hat diesen Manga jetzt in eine Bühnenfassung gebracht und im Forum Freies Theater uraufgeführt. Entstanden ist ein beklemmendes Stück, in dem lebensgroße Puppen - vor die Körper der Schauspieler geschnallt - vor einer Leinwand spielen, auf die Comic-Sequenzen projiziert werden. Mal sind es stille Bilder, die dem Raum nur Tiefe geben, mal laufen Filme ab, die das Puppenspiel in eine bewegte Welt mitreißen. Das naturgemäß etwas ungelenke Spiel der Figuren passt erstaunlich gut zur holzschnittartigen Ästhetik der Comics. Außerdem verträgt die recht simple Erzählstruktur der Mangas, dass sich in der Theaterversion durch den bewegten Hintergrund die Aussageebenen vervielfachen. Allerdings streift das Stück manchmal den Kitsch, wenn etwa zwei Sensenmänner auf Skelettinstrumenten musizieren. Insgesamt führt die Inszenierung aber überzeugend in eine Kunstwelt, die sehr bewegend von der Realität erzählt und als ein einziger Appell zu verstehen ist, der im Abspann dann auch zu lesen ist: Da wünscht das Ensemble der ganzen Welt "nicht ganz uneigennützig Frieden".

Bildtext: Puppen. Masken, Projektionen: Bestandteile des Bühnengeschehens in "Barfuß durch Hiroshima". Foto FFT.

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